Unser Vater
Unser Vater starb an einem Sonntag – trotz seiner Schmerzen in Würde und wie es seine Art war, ohne großes Aufsehen zu erregen, ganz leise. Er hörte einfach auf zu atmen; damit sein Geist den nicht mehr zum Leben fähigen Körper verlassen konnte.
Unser Vater war ein großer Mann. Schon als Kind bewunderte ich seine mächtigen Hände, die in der Werkstatt mit enormem Feingefühl fast alles, was im Haus aufhörte zu funktionieren, reparieren konnten. Sich selbst vermochte er nicht mehr zu reparieren. Die Kraft verließ in nach Monaten des Leidens zusehends.
Dabei wollte er doch leben. 96 Jahre alt wolle er schon werden, meinte er zum Arzt, als der eine überlange Nadel in seinen Rücken bohrte, um ihm das Wasser aus der Lunge zu holen. Sein Körper konnte ihm den Wunsch nicht erfüllen. Sein Körper war seinem starken Geist nicht gewachsen.
Unser Vater war ein Kämpfer. Er hat sein Leben nicht leichtfertig aufgegeben. Bis zur letzten Sekunde wollte er es behalten, wollte mitreden, wollte da sein. Es gelang ihm. Er war da. Für uns alle. Immer.
Unser Vater war kein großer Redner. Es brauchte keine Worte, um uns offenen Herzens erkennen zu lassen, dass er uns mit aller Kraft liebte. Er genoss es, seinen Buben zuzuschauen, wie sie sich ihr eigenes Leben bauten. Er wurde auf keiner Baustelle vermisst. Wo etwas geschaffen wurde, war er dabei. Stolz war er, wenn seine Kinder in seinem Sinne, so kraftvoll wie er, etwas schufen.
Unser Vater hatte keine leichte Kindheit, Krieg und Armut begrüßten ihn in dieser Welt. Zärtlichkeit zählte nicht zum Alltag seiner Jugend. Alles was er hatte, musste er sich erkämpfen, nur nicht seine Frau. Ihre Liebe konnte er gewinnen. Und das tat er auch. Er hatte das unglaubliche Glück, dass diese Liebe nie mehr in seinem Leben verloren ging. Alois und Rosa Schmidt gab es nur im Doppelpack.
Seine Rosa liebte er über alles. Ohne sie konnte er keinen Schritt tun, keine Arbeit verrichten. Keine kochte besser als sie. Kein Mensch war ihm an seiner Seite lieber.
Mit ihr schenkte er fünf Buben das Leben. Für seine Familie arbeitete er hart, baute ein Haus, schuf eine Existenz und sparte eisern, um seinen Kindern am Ende seiner Tage keine Last zu werden.
Wir mussten keinen Hunger leiden und durften dennoch lernen, wie wertvoll Lebensmittel sind. Gemeinsam mit unserer Mutter schuf er auf seinem kleinen Grundstück den Garten Eden. Die Bewirtschaftung schien gemessen an seiner Freude ein Kinderspiel. Das war es aber nicht.
Unser Vater lehrte uns, dass nichts selbstverständlich ist. Dass alles geschaffen und gekauft werden muss. Er lehrte uns die Achtsamkeit; in allem, was er tat.
Unser Vater starb an diesem Sonntag; dort, wo er am glücklichsten war: zuhause. So sagen wir dir: „Danke, dass wir dich zum Vater haben dürfen. Du bleibst uns unvergessen. Deine Kraft lebt in uns weiter. Dein Vermächtnis ist das eines großen Mannes. Wir lieben dich in Ewigkeit.“
Unser Vater starb am 31. Jänner um 12 Uhr 30.
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