Opfer der Zuvielisation

erstellt von Roman Schmidt, am 8. April 2010 Kategorie: Kolumne Keine Kommentare

Ich behaupte zu später Stunde pauschal und philanthropisch, Politiker neigen dazu (oder vielleicht noch neutraler: “die Politik” neigt dazu), den Menschen (materiell) Gutes tun zu wollen. Ein politischer Trugschluss, denn jede weitere materielle „Intervention“ schürt die Sehnsucht nach mehr. Die Gesellschaften der postindustriellen Welt sind Opfer der „Zuvielisation“. Eine Sucht, in der mangelnde seelisch-spirituelle Befriedigung mit falschen Mitteln bekämpft wird. Jede weitere materielle Zuwendung ist nur eine kurzzeitige Ablenkung, um schließlich noch intensiver den Schmerz des wahren Mangels zu spüren. Doch wie entkommen wir dieser Falle? Durch die Schärfung des eigenen Bewusstseins und schließlich die Begleitung des Wandels der Bürger und ihres Bewusstseins. “Den Menschen ist die Wahrheit zumutbar”, ist etwa die feste Überzeugung des Publizisten Hans Mucha. „Immer mehr, immer größer, immer sinnloser, immer wertloser“, ist für Vulkanland-Visionär Josef Ober die Problematik des bestehenden Systems. Dieser Wirkungskette zu entkommen, braucht ein starkes inneres Bekenntnis zur Einfachheit, zur Bescheidenheit, zum wahren Bedürfnis. Knappe Budgets sorgen in der hohen Politik für Kopfzerbrechen. Die brennende Frage: Wie die Bedürfnisse in den Regionen und Strukturen befriedigen? Dabei wird gerne ausgeblendet, dass die eigentlichen Bedürfnisse nicht Investitionen in Materie, sondern in Geist und Seele brauchen. Kostet auch Geld, aber bringt langfristig mehr. Wir müssen akzeptieren, dass wir als Gesellschaft den maximalen Wohlstand erreicht haben. Ein mehr an Reichtum steigert nicht mehr die Lebensqualität, sondern die Unzufriedenheit. Und sollte nun jemand behaupten, der Schmidt hat halt schon alles und ist reich, so muss ich leider erwidern: “Stimmt nicht”. Doch glaube ich beinahe zu erkennen, dass ich ohne Kredit, dafür mit fettem Konto, nicht zwingend glücklicher wäre. Dennoch gilt meine Devise: Besser gesund und reich als arm und krank.

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