Echte Lebensmittel haben mehr Energie

erstellt von Roman Schmidt, am 11. August 2010 Kategorie: Inspiration Keine Kommentare

Wir kennen von allem den Preis, doch von nichts den Wert. Diesen gescheiten Satz formulierte Oscar Wilde vor sehr langer Zeit. Dieser Satz hat mehr denn je Gültigkeit. Wir hätten keine Milchpreisdiskussion, würden wir über den Milchwert sprechen.

Dazu eine alltägliche Szene aus dem Wirtshaus: Ein Mann lehnt an der Theke, nippt am vierten Bier, reißt die Folie zum an diesem Tag zweiten Packerl Zigaretten auf. Dabei wettert er über die jüngste Milchpreiserhöhung. Sie liegt im Cent-Bereich. Man muss sich also mit Recht fragen, wie sehr unsere Gesellschaft den Bezug zum Lebensmittel verloren hat? Nicht der Preis ist entscheidend, sondern der Wert. Im Steirischen Vulkanland wird seit Jahren daran gearbeitet, den Wert sichtbar zu machen. Nur so haben Produkte wie der Caldera, ein „Obstwein“ in der 0,5-Liter-Flasche, eine Berechtigung. Um zumindest drei Euro wird er gehandelt. Fünf Euro kostet der sortenreine Apfelmost bei qualitätsvollen Festen der Region. Vor Jahren undenkbar, ja schier unvorstellbar. Heute normal.

Man muss schon sehr gut verdienen, um ausschließlich von regionalen „Lebensmitteln“ leben zu können, heißt es schließlich immer wieder. Das stimmt nicht. Wer sich von echten Lebensmitteln ernährt, muss ums Haushaltsbudget keine Sorge haben. Wer auf wahre Lebensmittel achtet, verändert seine Ernährungsgewohnheiten. Mehr Wertschätzung kehrt ein. Plötzlich wird mit mehr Aufmerksamkeit gegessen. Man isst bewusster und damit weniger. Nahrung für Körper, Geist und Seele. Die Nahrungsaufnahme wird zelebriert, bekommt jenen spirituellen Stellenwert, den sie sich ja auch verdient. Essen bedeutet schließlich die Aufnahme von „Energie“ – und das in mehrerlei Hinsicht. Lebensmittel: Mittel zum Leben. Echte Lebensmittel unterscheiden sich von minderwertigen Nahrungsmitteln, von denen es in den Wühlkisten der Supermärkte immer öfter zwei zum Preis von einem gibt.

Ein Nahrungsmittel wird auf Fließbändern erzeugt, zuhauf in Dosen gefüllt und kostenminimiert, um den Gewinn zu maximieren. Es wird in Supermärkten zu Preisen verkauft, die für die Bauern, die Schöpfer der Rohstoffe, nur wenig Spielraum lassen.

(Ganz Nebenbei: In unserer Gesellschaft wird nur der beste Sprit ins Auto getankt. Nur hochwertigstes Motoröl schafft den Weg in den Motorraum. Geht es um die eigene Energiezufuhr, ist das Zweitbeste auch noch gut genug.)

Ein Lebensmittel hingegen vermittelt das Leben, die Fähigkeiten und Traditionen des Produzenten, all das, was ihn und seine Familie – oft über Generationen geprägt – ausmacht. In Lebensmitteln steckt ein Stück der Seele des Produzenten. Gut so. Es ist schließlich die Beziehung, die das Produkt so wertvoll macht.

Dazu ein einfaches Beispiel: Ich behaupte, meine Mutter bereitet mir die beste Eierspeise der Welt; nicht wegen eines besonderen Geheimrezeptes oder der unvergleichlichen Zutaten, sondern weil mit dem Runterdrücken der Türklinke zuhause eine Beziehung aufgeht. Sie macht dieses an sich schlichte Mahl so wertvoll.

Im Vulkanland wurde erkannt, dass mit der Beachtung die Achtung steigt. Mit der Wertschätzung steigt der Wert. Diese Erkenntnis sorgt für eine zukunftsweisende kulinarische Entwicklung. Das Eigene wird wieder wertvoll. Der eigene Hausgarten, die selbstgemachten Kompotte, eingelegten Gurkerl oder Aufstriche gewinnen an Bedeutung. Es heißt bei spontanen Gästen nicht mehr „heute gibt´s leider nur unser Selbstgemachtes“, sondern „heute haben wir etwas ganz Besonderes, wir haben es selbst im eigenen Garten angebaut und in unserer Küche und unserem Keller veredelt.“

Mit dieser neuen Wertschätzung verändert sich alles rund um die Lebensmittelproduktion. Sie wird wieder als Wert erkannt. Mit einer neuen Kultur rund um Lebensmittel wandelt sich auch die Festkultur. Die regionale Kulinarik wird wieder zum Selbstverständnis. Es wird wieder schick, einen eigenen Garten zu bewirtschaften, seltene, oft vergessene Kulturen anzubauen und über die vielfältigen Früchte der Region bescheid zu wissen. Schließlich greift das neue Bewusstsein für Lebensmittel und Ernährung in die kleinste Zelle der Gesellschaft: in die Familie. Eine neue Tischkultur entsteht. Die Wertschätzung für das Eigene bringt einen neuen Zugang zum gemeinsamen Mal, eine neue Dankbarkeit und Spiritualität findet am Mittagstisch Platz.

Diese Veränderung verlangt von uns lediglich eines: Mehr Wertschätzung für das Unmittelbare – unser Essen.

Keine Kommentare

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben

Schlagworte

Kategorien

Autoren